Argumentarium

Antworten auf Fragen und Kritikpunkte, die bei Diskussionen über transformative Wissenschaft häufig aufkommen

Das Konzept einer transformativen Wissenschaft hat viele Kontroversen im Wissenschaftssystem, aber auch darüber hinaus hervorgerufen. Wir haben im Folgenden einige Fragen und Missverständnisse zusammengestellt, die uns bei Diskussionen und bei der Recherche wiederholt begegnet sind. Vielleicht sind Fragen dabei, die ihr euch selbst stellt, oder ihr könnt die Antworten als Argumentationshilfe nutzen, wenn ihr mit anderen über das Thema sprecht. Solltet ihr Fragen oder Kritik haben, die hier noch nicht aufgeführt sind, schreibt sie uns gerne und wir nehmen sie mit auf: jan.freihardt@wissenschafftzukuenfte.de.

Wir verstehen die Wissenschaft als Hebel hin zu einem zukunftsfähigen Gesellschaftssystem. Das heißt nicht, dass wir Wissenschaft als einzigen oder wichtigsten Hebel sehen – die Große Transformation kann nur durch das Zusammenspiel mit Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft gelingen. Dennoch konzentrieren wir uns auf die Wissenschaft, da deren Rolle unserer Meinung nach in der gesellschaftlichen Debatte nicht ausreichend beleuchtet wird.

Die Grundannahme einer transformativen Wissenschaft, dass Wissenschaft sich mehr für gesellschaftliche Akteur*innen öffnen sollte, kann und sollte diskutiert werden. In unseren Augen sind vor allem drei Punkte relevant: Erstens ist Wissenschaft, gerade an Hochschulen, zum Großteil von öffentlichen Geldern abhängig. Öffnet sie sich für gesellschaftliche Akteur*innen, kann das ihre Legitimität, und damit die Aussicht auf zukünftige finanzielle Förderung, stark erhöhen im Vergleich zu einer als Elfenbeinturm wahrgenommenen Wissenschaft.

Zweitens entspricht es demokratischen Grundsätzen, dass diejenigen Bevölkerungsgruppen an wissenschaftlichen Prozessen beteiligt werden sollten, die später von den Auswirkungen betroffen sein werden. Und drittens bietet gesellschaftliche Beteiligung auch einen Mehrwert für die wissenschaftliche Arbeit selbst – sowohl durch die Einbeziehung erweiterter Wissensschätze als auch durch steigende Einflussmöglichkeiten, wenn Entscheidungsträger*innen früh in den Prozess der Wissenserzeugung eingebunden werden.

Die Forderung nach mehr gesellschaftlicher Mitbestimmung bedeutet nicht, dass nur noch unmittelbar anwendungsbezogene Wissenschaft gefördert werden soll. Auch Grundlagenforschung bleibt ein wichtiger Bestandteil der Wissenschaft. Vielmehr verstehen wir transformative Wissenschaft als Aufruf an die einzelnen Disziplinen, sich selbst und ihre Praxis kritisch zu hinterfragen: Bei welchen Fragestellungen könnte eine Zusammenarbeit mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen und/oder gesellschaftlichen Akteur*innen den Mehrwert des erzeugten Wissens erhöhen?

Es ist ein grundlegendes Missverständnis, dass in einer transformativen Wissenschaftslandschaft jegliche Forschung zwingend mit gesellschaftlichen Akteur*innen zusammenarbeiten müsse. Für Grundlagenforschung gilt dies nicht unmittelbar (siehe auch vorherige Frage zur Grundlagenforschung). Im weitesten Sinne beinhaltet das Konzept einer transformativen Wissenschaft eine Aufforderung an alle Disziplinen, die eigene Praxis kritisch zu hinterfragen und zu überlegen, ob und wo Anpassungen vonnöten und hilfreich sein könnten. Denn auch wenn Grundlagenfächer wie theoretische Physik keinen unmittelbaren Gesellschaftsbezug haben, liegen auch hier der Forschung häufig implizite Annahmen und Werturteile zugrunde, die selten bewusst reflektiert werden (z.B. im Hinblick auf die Rolle von Wissenschaftler*innen in der Gesellschaft, Stichwort Expertenstatus).

Die im Grundgesetz verankerte Freiheit der Wissenschaft ist richtig und wichtig. Es stellt sich allerdings die Frage, wie frei die Wissenschaft heute tatsächlich ist: Auf der Ebene individueller Wissenschaftler*innen schränken Projektlaufzeiten von wenigen Jahren sowie der übermäßige Fokus auf Publikationszahlen und eingeworbene Drittmittel die Auswahl möglicher Forschungsfragen stark ein (von der Geringschätzung von Lehrtätigkeiten ganz zu schweigen). Auch auf der Ebene der Institutionen sieht es nicht viel besser aus: Der Einfluss der Wirtschaft ist ungleich stärker als der der Zivilgesellschaft, zudem führt die zunehmende Wettbewerbsorientierung wissenschaftlicher Einrichtungen zum Beispiel im Rahmen der deutschen Exzellenzinitiative zu falschen Anreizen. Vor diesem Hintergrund dürfte die von einer transformativen Wissenschaft geforderte Öffnung von Reputationskriterien und Laufbahnen sowie ein stärkerer Austausch mit politischen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen die Freiheitsgrade im Wissenschaftssystem letztlich sogar erhöhen.

Die in Konzepten wie der Transdisziplinarität geforderte Wissensintegration geht über eine reine Befragung betroffener Personen im Verlauf der Forschung deutlich hinaus. Zentral ist, dass alle (oder zumindest die wichtigsten) Gruppen, die ein Interesse am übergeordneten Thema der Forschung haben, bereits in derjenigen Phase miteinbezogen werden, in der die Forschungsfragen und das weitere Vorgehen definiert werden. So steigt die Wahrscheinlichkeit, nicht nur akademisch interessantes Wissen zu erzeugen, sondern auch solches, das den jeweiligen gesellschaftlichen Akteur*innen in ihren Lebens- und Arbeitskontexten tatsächlich weiterhilft.

Transdisziplinäre und transformative Forschung und Lehre sind nicht als Ausrede zu verstehen, schlechte Wissenschaft zu betreiben. Auch in einer transformativen Wissenschaft empfiehlt es sich, im und nach dem Studium zuerst eine starke disziplinäre Basis aufzubauen. Von dieser Basis aus sollte allerdings früh kritisch reflektiert werden, wo die Grenzen der disziplinären Arbeit liegen und wo inter- und transdisziplinäre Ansätze einen Mehrwert bieten können. Natürlich erfordert inter- und transdisziplinäre Arbeit andere Qualitätskriterien, die teilweise auch schwieriger zu definieren sind als bei disziplinären Arbeiten (siehe auch nächste Frage zur Messung gesellschaftlicher Wirkungen). Dennoch ist der zugrundeliegende Anspruch der gleiche: gute Wissenschaft zu betreiben!

In der Tat ist es deutlich schwieriger, die gesellschaftlichen Auswirkungen eines Forschungsprojekts zu bewerten als seinen akademischen Einfluss (z.B. anhand der Zitationshäufigkeit). Gesellschaftliche Entwicklungen sind immer von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst, wovon Forschungsaktivitäten und -ergebnisse lediglich einen darstellen. Anstatt zu versuchen, den tatsächlichen gesellschaftlichen Einfluss eines Projekts kausal nachzuzeichnen, versuchen die in den letzten Jahren entwickelten Qualitätskriterien für transdisziplinäre Projekte vielmehr, das grundsätzliche Potenzial eines Projekts zu bewerten, gesellschaftlichen Wandel anzustoßen. In anderen Worten: Wenn ein Projekt die Kriterien X, Y und Z erfüllt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die angestrebten Wirkungen in der Gesellschaft angestoßen werden. Ob das real tatsächlich so ist, kann natürlich nicht garantiert werden. Dies als grundsätzliches Argument gegen transdisziplinäre und transformative Arbeit zu verwenden, erscheint uns aber unangemessen. Vielmehr sollte mehr in die Entwicklung weitergehender Impactmodelle investiert werden.

Ein häufiger Kritikpunkt speist sich aus der vermeintlichen Objektivität und Wertneutralität der heute weit verbreiteten, vom Positivismus geprägten Sicht auf Wissenschaft. Diese Sicht verdeckt den Blick darauf, dass jede wissenschaftliche Tätigkeit zahlreiche Werturteile beinhaltet – zum Beispiel im Hinblick auf die bearbeiteten Forschungsfragen oder die angewandten Methoden. Allerdings werden diese Werturteile nur selten bewusst reflektiert und diskutiert, was problematische Auswirkungen haben kann, beispielsweise, wenn Forschungsergebnisse implizit das Narrativ von Kapitalismus und Neoliberalismus als alleingültigen Lösungsstrategien transportieren. Im Gegensatz dazu werden Werturteile in einer transformativen Wissenschaft explizit gemacht, wo immer dies möglich ist. Zudem wird anerkannt, dass es eigene wissenschaftliche Disziplinen wie die Ethik oder die Rechtswissenschaften gibt, die einen wichtigen Beitrag zur Aushandlung gesellschaftlicher Visionen und der Erarbeitung von Zielwissen leisten können.

Es ist leider tatsächlich noch immer schwierig, als junge*r Wissenschaftler*in die Anforderungen einer wissenschaftlichen Laufbahn mit den Ansprüchen einer transformativen Wissenschaft unter einen Hut zu bekommen. An einigen Stellen sind bereits Impulse im Wissenschaftssystem zu erkennen, die in die Richtung einer Pluralisierung von Laufbahnen und der Anerkennung von Engagement gehen, das über klassische Forschung hinausgeht (z.B. Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Akteur*innen oder transformative Lehre). Derartige Veränderungsprozesse laufen aber aufgrund der Trägheit des Wissenschaftssystems nicht von heute auf morgen ab.

Lasst euch davon aber nicht entmutigen: Auch, wenn ihr euer Studium, eure Forschung oder eure Lehre noch nicht durchgehend so gestalten könnt, wie ihr es gerne möchtet, könnt ihr im Kleinen schon viel bewirken. Sei es, dass ihr in Projekten einzelne transdisziplinäre Elemente einbaut, sei es, dass ihr euch eurer eigenen Einstellungen bewusst werdet, oder dass ihr anderen von den Ideen einer transformativen Wissenschaft erzählt. Es ist die Summe all dieser kleinen Veränderungsimpulse, die letztlich den Wandel hin zu einem vielfältigeren Wissenschaftssystem beschleunigt!