»Ethik entsteht durch Reflexivität in Bezug auf die Bedingungen des eigenen Forschungsprozesses«

MARKUS VOGT

Autor von »Ethik des Wissens. Freiheit und Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten des Klimawandels«

Herr Vogt, am Anfang von »Ethik des Wissens« listen Sie verschiedene Begriffe auf, unter denen die Debatte um eine Öffnung der Wissenschaft geführt wird, zum Beispiel Transdisziplinarität, Citizen Science, Öffentlichkeitswissenschaft und noch einige andere. So eine Begriffsvielfalt deutet an, dass gerade verschiedene Akteur*innen mit verschiedenen Hintergründen darüber diskutieren, wie die Verknüpfung von Wissen und Wirkung effektiver gestaltet werden kann. Wie erklären Sie sich, dass das gerade so breit diskutiert wird, oder ist es doch noch eher ein Nischendiskurs?

Ich fürchte, es ist immer noch eher ein Nischendiskurs, wohingegen die breite Wissenschaft eben doch noch sehr in den normalen Bahnen läuft. Aber insbesondere die Kontroversen über Transformative Wissenschaft sind zumindest in die wissenschaftliche Öffentlichkeit gelangt. Das, was viele beunruhigt, ist das Versagen der Wissenschaft angesichts des Klimawandels. Wir wissen seit Mitte der Achtzigerjahre Bescheid, und trotzdem geschieht zu wenig. Wir handeln ganz offensichtlich gegen besseres Wissen, weil wir in Abhängigkeiten in der Gesellschaft sind. Das fand ich interessant bei einer Veranstaltung von »Fridays for Future«, wo eine Schülerin zu den Lehrer*innen meinte: »Wir nehmen euer Wissen ernster als ihr selbst.« Und das gilt auch für die Wissenschaft: Wir wissen Bescheid und wissen doch nicht Bescheid. Wir nehmen unser Wissen nicht ernst.

Und insofern, glaube ich, ist die gesamte Wissenschaft heute herausgefordert. Wie gehen wir mit dieser unbequemen Botschaft um, die wir in Bezug auf den Klimawandel, aber auch auf andere Fragen wie etwas Biodiversität haben? Diese tiefere Beunruhigung, dass wir unsere Lebengrundlagen wider besseres Wissen zerstören, das macht die Dynamik dieser wissenschaftstheoretischen Diskussion über den Zusammenhang von Wissen und Handeln sowie die Rolle der Universitäten und Hochschulen in der Gesellschaft aus.

Markus Vogt ist Inhaber des Lehrstuhls für Christliche Sozialethik an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München (Profil) und stv. Sprecher des Netzwerks Hochschule und Nachhaltigkeit Bayern. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Mensch-Umwelt-Beziehungen sowie sozialphilosophische Grundlagen der Ethik. 2019 erschien sein Buch »Ethik des Wissens. Freiheit und Verantwortung der Wissenschaft in Zeiten des Klimawandels«.

Im dritten Teil des Buches beschreiben Sie das klassische Konzept der Klugheit, das neben analytischen auch normative und alltagspraktische Fähigkeiten umfasst. Wie erklären Sie sich, dass es heute fast schon tabuisiert wird, als Wissenschaftler*in normativ Stellung zu beziehen?

Das hat eine lange Geschichte, im Grunde bis zurück zum Positivismus, dass man sagt, wissenschaftliches Wissen ist nur das, was man auf vermeintlich objektive Fakten zurückführen kann, und Werte als etwas rein Subjektives versteht. Das prägt die Wissenschaft bis heute, dass man versucht, den subjektiven Faktor auszuschalten, um objektives Wissen zu erhalten. Aber ich glaube, die Wissenschaftstheorie ist eigentlich schon weiter, die sagt, eine absolute Objektivität gibt es nicht, und es kommt darauf an, den jeweiligen Standpunkt als solchen zu erkennen. Ich stelle als Ethiker fest: Viele rufen nach der Ethik, wollen aber doch irgendwie die Ethik als objektive Wissenschaft, die sich auf messbare Daten bezieht und dann nur in Umfragen feststellt, was die Leute meinen. Dabei ist immer wieder neu einzufordern, das Subjektive und das Objektive zusammenzubringen, das Unbequeme festzustellen, dass es eben auch in vielen Bereichen der Wissenschaft keine letzte und einzig gültige Perspektive gibt. Zu fordern ist jedoch das Bewusstsein der eigenen Perspektivität.

 

Wie gehe ich als Forscher*in praktisch damit um, dass alles, was ich tue, letztlich eine subjektive Komponente hat? Ist es dann der richtige Schritt, transparent zu machen, wo nach meiner Wahrnehmung subjektive Elemente eintreten?

Genau, es ist stets transparent zu machen, wo subjektive Elemente und Abhängigkeiten vorliegen. Wir sprechen von der Autonomie der Wissenschaft, aber bei vielen Universitäten kommt schon mehr als die Hälfte der Forschungsgelder aus Drittmitteln und wir realisieren nicht, wie darüber ganz neue Abhängigkeiten geschaffen werden. Die Definitionshoheit darüber, was als erfolgversprechende Forschung gilt, und die Kriterien von Exzellenz begünstigen bestimmte Perspektiven und führen dazu, dass andere Perspektiven ausgeblendet werden. Wichtig ist also eine Selbstreflexivität in Bezug auf die Bedingungen des eigenen Forschens und auf die Finanzierung, die institutionellen Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass manches schärfer gesehen und manches ausgeblendet wird. Ethik ist nicht etwas, was von außen in die Wissenschaft reinkommt, sondern sie entsteht durch Reflexivität in Bezug auf die Bedingungen des eigenen Forschungsprozesses. Was wir brauchen ist Ethik in der Wissenschaft und nicht eine Ethik, die von außen an die Wissenschaft angelegt wird.

 

Wie gelingt es, Ethik in den Wissenschaften in der Breite wegzubringen von der Rolle als »nachgeschalteter Spielverderberinstanz«?

Das Entscheidende ist im Grunde der Shift von der Vorstellung, Ethik ist nur so eine nachgeordnete Instanz, die bestimmte Anwendungsprobleme kritisch beobachtet, hin zu einem Verständnis der Ethik als eine Art wissenschaftstheoretisch-kritischer Blick auf die Modellabhängigkeit und damit die jeweils spezifischen blinden Flecken des Forschens. Forschung findet immer in bestimmten Paradigmen statt. All diese Modelle befähigen, Bestimmtes scharf zu sehen, aber sie blenden auch sehr vieles aus. Dann zu schauen, wie der Horizont über die jeweilige Perspektive hinaus erweitert und anschlussfähig gemacht werden kann an andere Formen des Wissens, das ist eine Aufgabe der Ethik. Und das sollte auch in der Bildung vermittelt werden. Mein Vorschlag wäre ein vorgelagertes »Studium Oecologicum«, das umwelt- und sozialethisch ausgerichtet ist, das im Grunde erstmal zum kritischen Denken befähigt, zum Durchschauen von Modellabhängigkeiten in den verschiedenen Disziplinen und damit vorbereitet auf ein Fachstudium.

»Das Unbequeme ist, dass es eben auch in vielen Bereichen der Wissenschaft keine letzte und einzig gültige Perspektive gibt, sondern nur das Bewusstsein der eigenen Perspektivität.«

Sehen Sie generell Differenzen in der Praxis zwischen natur-/ ingenieurwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Studiengängen?

Ich glaube, in den Ingenieurwissenschaften ist der Mangel an begrifflicher Schulung und explizit ethischem Wissen noch größer. Snow sprach bereits in den 60er Jahren von der Analyse der zwei Kulturen: Unsere Wissenschaftslandschaft ist gespalten in die Ingenieur- und Naturwissenschaften, die die Zukunft in den Knochen haben, wie er es formuliert, und die Geisteswissenschaften, die früher mal dominant waren. Hier die Kommunikation zu verbessern, das wäre eine grundlegende Aufgabe. Ich glaube, Nachhaltigkeit besteht genau darin, diesen Brückenschlag zu liefern, als Nachhaltigkeitswissenschaft.

 

Wo sehen Sie die Rolle der Hochschulen im Spannungsfeld von Freiheit und Verantwortung?

Die Freiheit der Wissenschaft ist ein hohes Gut, das es zu verteidigen gilt. Worauf es ankommt, ist zu zeigen: Freiheit heißt nicht einfach Autonomie in dem Sinne »Sie können machen, was sie wollen«, sondern Freiheit bedeutet auch Einstehen für Werte, Einstehen für Ziele, die man aus der inneren Dynamik der Wissenschaft setzt. Einige Vertreter der Wissenschaftspolitik spielen das gegen die Nachhaltigkeit aus, aber ich glaube, die Nachhaltigkeit ist nicht ein Wert, der von außen an die Wissenschaft herangetragen wird, sondern sie ist ein Problemhorizont, mit dessen Hilfe die Wissenschaft selbst bestimmen kann, was sie zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft beiträgt. Das ist dann keine Beschränkung der Freiheit, sondern ihre Ermöglichung. Es kommt darauf an, nicht Verantwortung gegen die Autonomie der Wissenschaft auszuspielen, sondern zu sagen: Verantwortung ist konkreter Vollzug von Freiheit.

 

Mit »Ausspielen gegen Nachhaltigkeit« meinen Sie konkret das Argument, dass es die Freiheit einschränkt, wenn man Forschung zu stark auf Nachhaltigkeit ausrichtet?

Ja, genau. Peter Strohschneider, der frühere Präsident der DFG, ist sehr offensiv in die Kritik der Nachhaltigkeitswissenschaft gegangen: Nachhaltigkeit sei eine spezifische Vorstellung gesellschaftlicher Nützlichkeit und Wissenschaft höre auf, Wissenschaft zu sein, wenn sie sich einem solchen Kriterium der Nützlichkeit unterordnet, statt einzig und allein auf Wahrheit hin orientiert zu sein. Das ist durchaus ein sehr scharfer, auch scharfsinniger Angriff auf die Nachhaltigkeitswissenschaft, der aber letztendlich die Ausdifferenzierung so absolut setzt, dass sie Freiheit und Verantwortung nicht mehr wirklich in der Wissenschaft zusammenbringt.

Aber es stellt durchaus eine methodische Herausforderung für die Wissenschaft dar, sich auf adäquate Weise die Nachhaltigkeit anzueignen. In den SDGs beispielsweise ist ein politisches Programm formuliert. Das ist nicht in sich kohärent, sondern mehr wie ein Wunschzettel: Alle wünschen sich, was sie schön finden.

Die Aneignung der Nachhaltigkeit als wissenschaftsspezifisches, wissenschaftsaffines und das heißt auch als logisch konsistentes Programm und Konzept, das steht meines Erachtens teilweise noch bevor. Da ist noch viel zu tun. Es genügt nicht, jetzt einfach nur die SDGs als Verpflichtung an die Wissenschaft anzulegen, sondern Wissenschaft muss sich ihren eigenen Zugang zur Nachhaltigkeit noch stärker auf allen Ebenen erarbeiten.

»Es kommt darauf an, nicht Verantwortung gegen die Autonomie der Wissenschaft auszuspielen, sondern zu sagen: Verantwortung ist konkreter Vollzug von Freiheit.«

Gegen Ende des Buches ziehen Sie auch Parallelen zwischen Transdisziplinarität und Theologie. Würden Sie sagen, dass Sie allgemein in diesem Diskurs um Transdisziplinarität und allgemein um Nachhaltigkeit eine stärkere spirituelle Komponente vermissen? Dabei geht es letztlich ja auch um sehr fundamentale, philosophische Fragen: Wie wollen wir leben? Wo finden wir Frieden, wo finden wir Glück?

Ja, ich würde sagen, inzwischen gibt es einen Shift, dass der Ruf nach Spiritualität oder nach tieferen Ebenen des Wissens nicht mehr zu überhören ist. Das ist auch für die Wissenschaft eine Herausforderung, die aber nicht einfach dadurch bewältigt wird, dass man anfängt, von spirituellen Werten zu reden, sondern dass man die Charakteristik der unterschiedlichen Wissensarten analysiert und versucht zu verstehen, wie diese im Verhältnis zu einander stehen. Wir merken beispielsweise im politischen Bereich, dass Emotionen Wahlen bestimmen, dass Emotionen das sind, was Menschen sehr stark prägt, oft ohne, dass wirklich reflektiert wird, wie der Zusammenhang von Kognition und Emotion ist. Diesen Bereich, die unterschiedlichen Wissensarten und ihre Verknüpfung zu reflektieren, halte ich für eine ganz wichtige wissenschaftstheoretische und auch praktisch pädagogische Aufgabe, sowohl an Universitäten wie an Schulen.

 

Nach unserem Eindruck ist in den letzten Jahrzehnten zumindest in der jungen städtischen Generation die Zuwendung zu institutionalisierter Religion stark gesunken. Zugleich, wie Sie schreiben, gibt es Strömungen, in denen Ökologie und Nachhaltigkeit dann fast als Ersatzreligion angesehen werden. Inwiefern sehen Sie Parallelen zu einer Religion, oder inwiefern kann das nicht als Religion fungieren?

Die Umweltbewegung ist eine religionsproduktive Suchbewegung mit neuen Formen der Frage nach dem Sinn: »Was trägt uns, was gibt uns Zukunft? Was ist das, was wirklich zählt im Leben?« Auch grundsätzliche Fragen: »Was ist eigentlich die Stellung des Menschen in der Natur? Was erwarten wir von einer langfristigen Zukunft?« Diese Zeithorizonte sind im Grunde etwas, das traditionellerweise eher im Rahmen der Religion verhandelt wurde. Aber wo dann unmittelbar die vermeintliche Gutheit der Natur zum ethischen oder gar sinnstiftenden Maßstab erhoben wird, da wird Ökologie zur Ersatzreligion. Die Natur in sich kennt keine Gerechtigkeit: Aus ökologischer Perspektive ist es vielleicht wünschenswert, dass die Menschheit ausstirbt. Aber das kann nicht unser letzter Maßstab für die Ethik sein.

Es kann durchaus auch gefährlich sein oder jedenfalls ideologisch aufgeladen, wenn man zu schnell Ökologie mit Religion verbindet. Das bedarf einer kritischen Begleitung, also quasi nicht hinter die Aufklärung zurück, sondern eine Aufklärung 2.0, wie es Ernst Ulrich von Weizsäcker beschreibt. Worauf es entscheidend ankommt, sagt er, ist die Verknüpfung der verschiedenen Wissensformen und er verdichtet das zu dem Postulat einer neuen Aufklärung. Eine Aufklärung, die sich diesmal nicht allein als Emanzipation von den religiösen Wissensformen definiert, sondern eine neue Form der Synthese zwischen wissenschaftlichem, gesellschaftlich-sozialem und religiösem Wissen sucht.

 

Während wir auf der einen Seite Nachhaltigkeit als Ersatzreligion haben, haben wir auf der anderen Seite auch den Kapitalismus oder auf individueller Ebene Reichtum als Ersatzreligion. Würden Sie zustimmen, dass diese große ökologisch-soziale Krise, die wir gerade sehen, auch ein Stück weit zusammenhängt mit diesem Fehlen von Spiritualität? Und ist dann im Umkehrschluss der Weg zur Nachhaltigkeit auch nur über einen Weg zurück zur Spiritualität und Religion zu erreichen?

Da es sehr unterschiedliche Begriffe von Spiritualität gibt, würde ich das nicht so absolut formulieren. Aber dass wir eine Stärkung der Spiritualität brauchen, das ist für mich ganz offensichtlich. Das ist eine entscheidende Frage des Erfolgs oder Misserfolgs von Nachhaltigkeit. Im Grunde äußert sich der Verlust der Spiritualität auch in der Ideologie vieler Systeme, wo Geldverdienen zur Ersatzreligion geworden ist und man quasi keinen höheren Wert als das, was sich auf Märkten auszahlt, kennt.

Mit dieser Mentalität richten wir die Welt und die Natur zugrunde. Es gibt viele Formen, wo der Verlust der Spiritualität schon heute dazu führt, dass man Teilwahrheiten absolut nimmt und in ideologische Sackgassen gerät. Nachhaltigkeit hat im Kern mit der Überwindung dieser ideologischen Sackgassen zu tun. Da gibt es einen großen, ganz erstaunlichen Konsens zwischen den Weltreligionen. Spiritualität ist ein religionsübergreifendes Konzept, das auch für viele faszinierend ist, die nicht ursprünglich aus dem religiösen Kontext kommen. So finde ich es erstaunlich, dass etwa die Umweltenzyklika von Papst Franziskus 2015 »Laudato si’«, intensiver außerhalb des kirchlichen Kontextes rezipiert und analysiert wird als innerhalb des kirchlichen Kontexts. Dieser Schrift ist es gelungen, die Sehnsucht nach Spiritualität, die Sehnsucht nach höheren Werten, die noch mehr sind, und etwas Anderes, als nur Moral, anzusprechen und zu wecken.

»Eine Aufklärung, die sich diesmal nicht allein als Emanzipation von den religiösen Wissensformen definiert, sondern eine neue Form der Synthese zwischen wissenschaftlichem, gesellschaftlich-sozialem und religiösem Wissen sucht«

Was macht Spiritualität für Sie aus?

Die Offenheit für den Geist und das Bewusstsein, dass das Leben Geschenkcharakter hat. Dass wir gelingendes Leben nicht selber machen können, sondern dass es uns im Grunde auch geschenkt wird und deshalb ein Stückchen unverfügbar bleibt. Das Bewusstsein für das Unverfügbare scheint mir der Kern der Spiritualität zu sein. Und daraus folgt eine Haltung der Dankbarkeit, der Freude, der Bereitschaft, es zu teilen, der Bereitschaft, sich auch offen zu halten für das, was nicht rational ist.

Spiritualität bedeutet dabei nicht Irrationalität, sondern eine Form des Staunens und der Demut, auch im Wissen um die Grenzen des eigenen Wissens. Das schließt keineswegs aus, dass wir uns um rationales Verstehen, um Unterscheidungen mühen sollten. Die Verbindung von Spiritualität und Rationalität scheint mir ein wichtiger Impuls zu sein, vielleicht eine besondere Akzentsetzung christlicher Spiritualität. Nicht umsonst haben sich die Universitäten im Mittelalter aus der Theologie heraus entwickelt.

 

Wie kann Ihrer Meinung nach der Wertewandel, der für die sozial-ökologische Transformation nötig ist, gelingen?

Werte lassen sich nicht vermitteln wie mit dem Nürnberger Trichter, wie bloßes Wissen, sondern Werte können eigentlich nur entdeckt werden, indem das Subjekt auch für das einsteht, was ihm wichtig ist und selbst beteiligt ist. Das scheint mir das Entscheidende zu sein: Werte ergeben sich nicht aus einer reinen Beobachterperspektive, sondern immer durch die Anerkennung, dass wir auch beteiligt sind, dass wir Teil des Prozesses sind. Das zu vermitteln an Studierende scheint mir äusserst wichtig zu sein. Dass sie schon heute die Gesellschaft mitgestalten, den Lebensraum auch an der Universität selbst mit all den Dingen, die wir dort tun können. Die Praxis wahrgenommener Verantwortung ist eine notwendige Vermittlungsform für Werte.

»Spiritualität bedeutet dabei nicht Irrationalität, sondern eine Form des Staunens und der Demut, auch im Wissen um die Grenzen des eigenen Wissens.«

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle von Leadership und von Vorbildern?

Es ist ja im Grunde ein Gemeinplatz, dass Werte hauptsächlich vermittelt werden durch vorbildhaftes Handeln. Wenn nicht die Lehrenden einstehen für das, was sie an Werten vermitteln wollen, dann wird es nicht funktionieren. Das fängt bei den Eltern an, über die Lehrer*innen, aber betrifft natürlich auch die Professor*innen. Leaderships auszubilden für einen kulturellen Wandel, das ist eine Leitidee von Papst Franziskus. Er sagt, dass es eine wesentliche Aufgabe der Wissenschaft sei, Leaderships für den kulturellen Wandel, für eine kulturelle Revolution auszubilden.

Darum müssen die Universitäten selbst und die, die dort lehren und lernen, für das, was sie für wichtig halten, einstehen in der Gesellschaft, im eigenen Lebensumfeld, an der Universität, im privaten Bereich. Das wird nie in der Breite plötzlich passieren, sondern nur allmählich über Leute, die bereit sind, das Zusammenleben mitzugestalten und diese Fähigkeit weiterzuvermitteln.

Das scheint mir etwas zu sein, was für Bildung ungeheuer wichtig ist, dass wir nicht nur das Bescheidwissen im Kopf dressieren, sondern letztendlich sagen: Es kommt auch auf Charakterschulung an. Das ist das, was zählt. Und dafür müssen auch Schulen und Hochschulen mehr Raum haben. Aber das kann sich dann auch auszahlen, denn letztendlich merkt man sich das, was verbunden ist mit eigenem Wertewissen, auch. Wofür man praktisch einsteht, wo man mitgestaltet, das vergisst man nie mehr. Daraus entstehen dann auch ganz eigene Fähigkeiten, in viel dichterer Weise, als wenn man nur das Belehrungsobjekt ist, nur etwas abstrakt lernt, und es nicht selber praktiziert.

 

Was würden Sie jungen Menschen an Tipps mitgeben aus Ihrer langjährigen Erfahrung?

Sie sollen sich fokussieren auf die Themen und die Kontexte, die sie wirklich selbst begeistern. Das ist auch meine Erfahrung: Ich habe die Umweltthemen für mich entdeckt, sie haben mir Spaß gemacht. Dass ich dann so ein Spezialgebiet entwickelt habe und etwas, was meine Leidenschaft geworden ist, das hat sich dann auch im beruflichen Weg ausgezeichnet. Das, was beim Studieren wirklich Freude macht, zahlt sich dann auch aus: Das zu machen, was dem inneren Wertesystem entspricht, wofür man Leidenschaft entwickelt, ist der beste Weg zu Qualität und Erfolg. Wichtig ist auch, nicht nur passiv zu lernen, sondern selber aktiv mitzugestalten. Das lohnt sich!

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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