»Die Freien Institute geben wichtige Impulse ins Wissenschaftssystem und in die Gesellschaft«

THOMAS KORBUN

Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und Sprecher des Ecological Research Networks (Ecornet)

Lieber Thomas, in welchem historischen Kontext wurden die Freien Institute, wie die Mitgliedsinstitute des Ecornet oft genannt werden, und im Speziellen das IÖW, gegründet?

In den 1970er-Jahren wurde in Deutschland, geboren aus der Anti-AKW-Bewegung, die grüne Bewegung stark, nicht nur als Partei, sondern als breite gesellschaftliche Bewegung. Umweltfragen wurden von der Bevölkerung intensiv thematisiert und die Kritik an den Verhältnissen wurde zunehmend laut. Letztlich entstand daraus die Idee, dass die Wissenschaft insbesondere in der Atomfrage eng verkoppelt ist mit den wirtschaftlichen Interessen der atomkraftwerksbetreibenden Unternehmen und mit der Politik, die die politische Idee der Förderung der Atomkraft zur Beförderung des gesellschaftlichen Wohlergehens bediente.

Das hat viel Resonanz gefunden und zur Idee geführt, dass man eine eigene wissenschaftliche Expertise braucht, um das Gegenteil von Sicherheit nachvollziehbar zu beweisen und zum anderen aber auch andere Formen der gesellschaftlichen und technischen Organisation der Energieproduktion und -nutzung zu finden. Aus dieser Idee wurde das Öko-Institut gegründet, auch als breites Bündnis der progressiven Kräfte in Südwestdeutschland. Und damit war die Idee in der Welt, dass es Institute geben soll, die aus gesellschaftlicher Perspektive Umweltprobleme thematisieren und voranbringen.

1985 entstand das IÖW aus der Beobachtung, dass sozialwissenschaftliche Perspektiven disziplinär im Öko-Institut kaum eine Rolle spielten. Das war damals einfach die Domäne der Ingenieur*innen. Aber die gesellschaftlichen Kontexte zu kritisieren, in denen überhaupt diese Ideen entstanden, dass wir Atomenergie brauchen, dass diese Organisation der industriellen Produktion vorteilhaft wäre, diese Wachstumsidee, die so eng mit der sozialdemokratischen Forschungsidee gekoppelt war – dies alles zu kritisieren und dafür andere Konzepte zu finden, dazu war das Öko-Institut nicht bereit. Aus dieser Beobachtung entstand das IÖW, auch mit der Idee, dass die ökonomische Forschung eindimensional und ideologisch verbohrt ist und dass die Vorstellung eines anderen Wirtschaftens nur gedacht werden konnte als Ergebnis einer anderen Forschung. Und man hatte nicht den Eindruck, dass diese andere Forschung an einer bestehenden Hochschule oder an einem Forschungsinstitut hätte etabliert werden können. Deswegen gab es die Idee der Neugründung.

Thomas Korbun ist seit 1999 Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und seit 2012 Sprecher des Ecological Research Networks (Ecornet). Er hat Biologie, Öffentliches Recht und Psychologie studiert. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Forschungsmanagement, Forschungspolitik, Nachhaltigkeitsstrategien, Naturschutz und umweltgerechte Landnutzung.

Wie versteht Ihr das frei in Freie Institute? Seid Ihr durch die Abhängigkeit von Fördermitteln nicht auch ein Stück weit in den Zwängen des Wissenschaftssystems gefangen?

Wir sagen freie Institute und meinen damit nicht-staatlich und organisational frei. Im Grunde müssen wir keine Rücksicht nehmen auf Dritte. Wir sind erst einmal frei darin, welche Projekte und Aufträge wir annehmen. Zwei Drittel der Projekte, die wir haben, sind echte Forschungsprojekte. Da reichen wir eine Konzeption ein zu einem Rahmenthema. Und diese Konzeption, mit wem wir da zusammenarbeiten, worüber, mit welchen vermuteten Ergebnissen, das ist erst mal unsere eigene Entscheidung. Wir reichen natürlich erst mal überwiegend Sachen ein, die wir gerne machen wollen und wo wir denken, dass sie einen Beitrag leisten können. Es gibt so ein paar Themen, wo wir denken, die sind eigentlich nicht weitgehend genug, da müsste man noch etwas draufsatteln. Aber oft kann man diese Sachen, die man draufsatteln müsste, auch in etwas weniger Kontroverses einbetten und dann in diesen eher groß gestrickten Projekten machen.

Wichtig ist die Beeinflussung und die Mitgestaltung der Förderkontexte. Als ich angefangen habe, stand beim BMBF die Frage im Raum: Welche Themen findet ihr spannend? Wie sollen die Förderinstrumente aussehen? Da war eine Offenheit und eine Möglichkeit da, das zu prägen, was in der Zukunft gefördert werden soll. Darüber kann man natürlich Sachen versuchen zu öffnen. Diese Kontexte sind ja auch entwickelbar, die sind nicht nur statisch. Und da kann man schon sehen, dass zum Beispiel das Programm Soziale-Ökologische Forschung (SÖF), das 1999/2000 startete, sowohl sein Volumen erweitert als auch wesentlich prägende Wirkung gehabt hat für die transdisziplinäre Dimension des übergeordneten Rahmenkonzepts Forschung für Nachhaltige Entwicklung (FONA).

Und es gibt bei den Forschungsförderern auch keinen zentralen Akteur, der zu progressive Institute in der Folge bei Projektanträgen weniger berücksichtigen würde. Es gibt ja auch immer wissenschaftliche Gutachter*innen. Da haben wir eher das Problem, dass die häufig aus dem Mainstream kommen und bestimmte Ansätze nicht so gut finden. Aber in den etablierteren Programmen haben sich auch Arenen von Gutachter*innen und kompetente Projektträger gebildet, die ein gutes transdisziplinäre Projekt von einem schlechten unterscheiden können. Da hat so eine Art Coevolution in gegenseitiger Wertschätzung einerseits, aber auch in kritischer Distanz stattgefunden. Insgesamt ist es also ein bisschen so wie Steter Tropfen höhlt den Stein. Aber natürlich viel zu langsam, gemessen an den nicht-nachhaltigen Entwicklungen, die sich global abspielen.

»Bei den Forschungsförderern gibt es keinen zentralen Akteur, der zu progressive Institute in der Folge bei Projektanträgen weniger berücksichtigen würde.«

Sind die Freien Institute heute noch so frei wie in der Anfangszeit?

Die Frage ist: War die Freiheit früher wirklich größer? An den Fakultäten in den Siebzigern gab es nicht viele, die ihre wissenschaftliche Freiheit und ihren Beamtenstatus genutzt haben, um kritisch gegenüber dem Atomstaat zu sein. Es gab natürlich welche, aber es waren sehr wenige. Jedenfalls haben diejenigen, die unser Institut gegründet haben, keine Möglichkeit gesehen, innerhalb der bestehenden Institutionen diese Themen so zu beforschen und voranzutreiben, wie sie es wollten.

Solche Perspektiven sind heute in den Hochschulen weiter verbreitet. Und es ist viel selbstverständlicher, Leute auszubilden, die inter- und transdisziplinär denken, die ein kritisches Verständnis vom Gesellschafts-Natur-Verhältnis haben, die Natur- und Sozialwissenschaften übergreifend studiert haben. Das war ja früher noch schwieriger. Insofern gibt es schon Veränderungen. Aber dass das eine Freiheit wäre, in der diese Themen unabhängig und breit bearbeitet werden können, würde ich dennoch nicht sagen. Für mich stimmt dieses Bild nicht: »Du bist wirtschaftlich unabhängig und dann bist du frei zu denken, was du willst. Und das ist die wahre Freiheit der Wissenschaft.«

Durch die Gründung der Institute ist dieser Raum für kritisches Denken und für eine forschungsmethodische Praxis, über solche Probleme nachzudenken, neu entstanden. Die Institute sehen sich dabei nicht als aus dem Wissenschaftssystem herausgestellt, sondern wir sind eine neue Variante im Wissenschaftssystem, die darin eine besondere Rolle spielt und mit besonderen Kompetenzen und besonderen Perspektiven die Möglichkeiten, die das Wissenschaftssystem als Ganzes hat, erweitert und auch die Möglichkeiten, die die Gesellschaft hat, auf wissenschaftliches Wissen produktiv zuzugreifen und damit umzugehen.

Daher müssten vernünftige Politikakteur*innen dafür sorgen, dass diese Ressourcen im Wissenschaftssystem und auch bei der Förderung des Systems (und nicht nur bei der Förderung von Projekten) eine Stärkung erfahren, weil sie für die gesellschaftliche Entwicklung wichtig sind und weil sie sowohl Impulse in die Gesellschaft geben, als auch Impulse ins Wissenschaftssystem. Und das in einer Weise, die diese Institute aufgrund ihrer Strukturbedingungen im Kern unersetzlich macht, weil nur, solange Leute unter diesen Strukturbedingungen arbeiten, auch dieses Neue in der Perspektive herauskommen kann. Wenn Leute in Hochschulen arbeiten, kommen andere neue Sachen raus. Aber die Hochschule als Ganzes hat Schwierigkeiten, diese Arbeit, die wir machen, zu tun.

»Wenn Leute in Hochschulen arbeiten, kommen andere neue Sachen raus. Aber die Hochschule als Ganzes hat Schwierigkeiten, diese Arbeit, die wir machen, zu tun.«

Woran liegt das?

Hochschulen haben eine andere Organisation. Die Fakultäten sind in der Regel disziplinär strukturiert. Wir sind stärker problemorientiert strukturiert. Bei uns ist die Inter- und Transdisziplinarität schon in der Organisation angelegt. In der Hochschule wechselt das Personal viel häufiger durch, um irgendwo anders eine Festanstellung zu bekommen. Das heißt, du hast eigentlich immer Nachwuchskräfte mit wenig Erfahrung, während bei uns viele Forscher*innen bereits mehrere Jahre Erfahrungen in sozial-ökologischer Forschung sammeln konnten. Zudem sind die Reputationsmechanismen vielfach anders. Der Lehrstuhl bekommt einen Bonus, wenn er etwas gewonnen hat, aber kollektive Aktion oder Kooperation mit Externen wird wenig belohnt.

Ein weiterer Punkt: Die Professuren arbeiten nicht arbeitsteilig. Wir haben einen Finanzbereich, wir haben einen Bereich für Öffentlichkeitsarbeit. Das sind Spezialist*innen, auf die unsere Wissenschaftler*innen zurückgreifen können und die ihnen viel abnehmen, indem sie Projekte zusammen konzipieren: Wie sieht der Transfer aus, wie sieht die Dissemination aus, wie sehen Formate für Partizipation im Projekt aus? Da haben wir Leute, die sich damit methodisch auskennen und die das in vielen Projekten schon gemacht haben und die unseren Jüngeren in erfahrungsgemischten Teams helfen, das zu konzipieren. An der Hochschule gibt es diesen Support in der Regel nicht. Das ist natürlich ein Defizit, das die Organisation und ihre Leistungsfähigkeit schwächt. Und wenn die Leute, die das dann mal begriffen haben, dazu noch alle drei Jahre wechseln, behindert das im Grunde auch diese Art von Arbeit.

 

Wie ist Deine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen? Sind diese agiler als Hochschulen, da sie weniger disziplinär und eher themenbezogen organisiert sind?

Bei den Außeruniversitären ist es sehr heterogen. Es gibt einzelne Institutionen, die ganz exzellente Arbeit machen, problemorientiert, inter- und transdisziplinär mit einem bestimmten Fokus. Das sind meistens einzelne Abteilungen, einzelne Institute innerhalb der Gesamtinstitution. Insgesamt sind die Organisationen sehr unterschiedlich aufgestellt, werden aber alle vom Wissenschaftsrat stark gemessen an ihrem akademischen Output, der wiederum stark an Publikationen und deren Ranking bemessen ist. Eine Intensivierung transdisziplinärer Arbeit oder der Art von Gesellschaftsberatung, wie wir es machen, das fehlt.

Zudem gibt es auch da von der Personalstruktur her viele befristete Stellen, viel Turnover, viele Qualifizierungsstellen und letztlich auch wenige Dauerstellen, obwohl es immer noch mehr sind als an den Hochschulen. Die deutsche Besonderheit liegt darin, dass diese Forschungseinheiten nicht innerhalb der Hochschulen sind. In anderen Ländern wie den USA, da gibt es diese Forschungseinheiten auch, sie werden aber den Hochschulen zugerechnet. Das ist einer der Gründe, warum die deutschen Hochschulen so weit abgehängt sind, weil man ihnen systematisch den Forschungsbetrieb genommen hat und diese Einheiten ausgegliedert hat in eigene Vereinigungen. Aber im Vergleich zu den Forschungseinrichtungen sind die Hochschulen eher prekär finanziert. Und das verläuft systematisch, weil die Länder den Hochschulen die Mittel entziehen, indem sie immer mehr Studierende hinschicken, und gleichzeitig zusammen mit dem Bund die Außeruniversitären immer mehr fördern.

»In der Hochschule wechselt das Personal viel häufiger durch. Du hast also eigentlich immer Nachwuchskräfte mit wenig Erfahrung, während bei uns viele Forscher*innen bereits mehrere Jahre Erfahrungen in sozial-ökologischer Forschung sammeln konnten.«

Aktuell sind transdiszplinäre Ansätze in den Sozialwissenschaften weiter verbreitet als in den Naturwissenschaften. Wie kann ein Mainstreaming dieser Ansätze gelingen?

Ein Fehler, der in der Debatte um transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung oft gemacht wird, ist zu meinen, dass alle wissenschaftlichen Institutionen, jede wissenschaftliche Ausbildung und jede Forschungskapazität transdiszplinär ausgerichtet werden sollte. Das ist nicht der Fall, sondern wir brauchen sowohl die disziplinären als auch die abseitigen, die neugiergetriebenen und die kleinen, scheinbar irrelevanten Forschungen. Aber wir brauchen trotzdem auch mehr von dieser transdisziplinären Gesellschaftsberatung und Forschung. Es sollte also deutlich mehr Geld und institutionelle Förderung in so etwas fließen. Ob dafür dann etwas anderes weniger gefördert wird oder insgesamt mehr Geld ins Wissenschaftssystem fließen, das ist letztlich egal. Aber es ist klar, dass das Wissenschaftssystem auch diese ungebundenen und nicht verzweckten Ressourcen und Perspektiven braucht.

 

Was braucht es auf persönlicher Ebene, um transdisziplinär forschen zu können?

Du musst eine Leidenschaft haben für diese Fragen und für diese Art zu forschen, und du musst es auch persönlich schaffen. Es gibt Leute, die viel über Nachhaltigkeit nachdenken, die aber nicht in der Lage sind, mit Praxisakteur*innen zu sprechen, die davor vielleicht sogar Angst haben, weil sie noch nicht so weit sind, dass sie eine Handlungsempfehlung geben können, weil sie gerne noch weiter forschen würden. Solche Leute werden in der transdisziplinären Forschung persönlich nicht froh werden, weil sie immer wieder an die Grenzen dessen kommen, was ihre Persönlichkeit ihnen ermöglicht. Andere, die gerne an diese Grenzen gehen, die mit den verschiedenen Rollen spielen, die Wissenschaft haben kann, die sich in verschiedenen Arenen einigermaßen sicher bewegen, die können da produktiv sein. Das ist gar nicht wertend – die Wissenschaft braucht beide Arten von Persönlichkeiten.

»Es ist wichtig, zwischen Vertiefung und Breite ein kluges, individuell angemessenes Verhältnis zu finden.«

Was möchtest Du jungen Menschen mit auf den Weg geben?

Macht, worauf ihr Lust habt und was euch Spaß macht! Nur dann kann man gut sein. Wenn jemand Lust auf Nachhaltigkeitsforschung hat, dann soll er*sie das machen und sich einen Ort suchen, wo man das gut lernen kann. Und wenn es nicht möglich ist, an so einen Ort zu gehen, dann kann man immer noch über zivilgesellschaftliches Engagement persönlich die Klammer bilden, indem man diese praktische Perspektive selbst einnimmt und das kontrastiert mit den wissenschaftlichen Arbeiten. Oder man kann in einem Ecornet-Institut oder einer anderen tollen Forschungseinrichtung ein Forschungspraktikum machen und sich diese Sachen anschauen. So ein Training hat man zum Beispiel auch im Wissenschaftlichen Beirat des BUND bekommen, wo man genau an dieser Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft arbeitet.

Es gibt also Orte, wo man sich auf solche Sachen vorbereiten und sich erproben kann. Das ist nichts, was man erst machen kann, wenn man das Studium durchgezogen hat. Zudem ist es wichtig, zwischen Vertiefung und Breite ein kluges, individuell angemessenes Verhältnis zu finden. Es gibt Leute, die sind total gemacht für eine vertiefte Kompetenz, die sollten dann an den Anschlüssen gut arbeiten, damit sie mit anderen Disziplinen sprechen können. Aber sie sollten sich schon auf ihre disziplinäre oder handlungsfeldbezogene Vertiefung konzentrieren, die ihnen echt Spaß macht und wo sie gerne Expert*in sein wollen. Es gibt andere Leute, die interessieren sich eher für die Vergleiche zwischen den Feldern: Was sind die Analogien und die Resonanz zwischen den Sektoren, die über das Wissen erzeugt werden kann?

Oder sie haben Spaß daran, wie man bestimmte gesellschaftliche Fragen überhaupt in ein Forschungsprojekt gießen kann und wirken an der Projektkonzeption mit, aber die Projektdurchführung überlassen sie gerne Anderen. Oder es gibt auch Leute, die sind total begeistert von den partizipativen und prozeduralen Perspektiven in solchen Forschungsprojekten. Natürlich muss man ein gewisses Gesamtprogramm beherrschen, aber wenn man in Teams arbeitet, dann kann man sich eben auch mit verschiedenen Schwerpunktkompetenzen gut ergänzen.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Interview: April 2020

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